Dr. med. Elena Kralidis, Leiterin der Abteilung für Onkologie am Brustzentrum Affidea brustCare in Zürich, weiss, wovon sie spricht. Im Interview erklärt die Onkologin und Internistin, was die Diagnose metastasierter Brustkrebs heute bedeutet, welche Therapien es gibt und was von der Forschung zu erwarten ist.

Dr. med. Elena Kralidis
© Affidea brustCare Brust-Zentrum Zürich
Fachärztin für Medizinische Onkologie und Allgemeine Innere Medizin
Wie kontrollierbar ist die Erkrankung metastasierter Brustkrebs heute?
Während es im frühen Stadium einer Krebserkrankung darum geht, möglichst jede Krebszelle zu zerstören, was sich mit lokalen Therapien auch durchaus erreichen lässt, bedeutet ein metastasierter Krebs, dass die Erkrankung weit fortgeschritten ist – und sich wahrscheinlich nicht mehr alle Krebszellen dauerhaft beseitigen lassen. Der Krebs hat sich bereits im Körper ausgebreitet: Sichtbare Metastasen sind die Spitze des Eisbergs.
Sobald ein Tumor metastasiert, lässt er sich nicht mehr mit kurzfristigen lokalen Therapien allein unter Kontrolle bringen. Stattdessen sind langfristige systemische Therapien angesagt. Und das ist die grosse Veränderung, die die Diagnose metastasierter Brustkrebs Betroffenen bringt: Für viele Betroffene wird die langfristige Therapie damit Teil einer neuen Normalität.
Wie hat sich die Situation der Patientinnen in den letzten zehn oder 15 Jahren verändert?
Der grosse Fortschritt der letzten Jahre ist, dass wir mittlerweile eine Vielfalt an Therapien zur Auswahl haben. Unser heutiges Verständnis der Prozesse in der Zelle ist viel besser. Die mit diesem Wissen entwickelten Medikamente können wir zielgerichteter einsetzen und so auch einen metastasierenden Brustkrebs oft über Jahre kontrollieren. Das sind Jahre, die die Patientinnen oft in guter Lebensqualität verbringen, ohne dass sich die Erkrankung andauernd bemerkbar macht. Zugleich gibt es aber noch immer Betroffene, deren Leben die Erkrankung von Anfang vereinnahmt.
Welche Rolle spielen Genmutationen im metastasierten Setting, um den passenden Therapieweg zu finden?
Bei Brustkrebs lassen sich an den Tumorzellen zum Beispiel Hormonrezeptoren (HR) finden. Das sind Andockstellen für Östrogen (ER) und Progesteron (PgR). Vor allem Östrogen signalisiert der Krebszelle, dass sie wachsen soll. HER2 ist ein weiterer Wachstumsfaktor. Sind solche Faktoren vorhanden (+), haben wir uns bekannte Signalwege, die wir medikamentös zielgerichtet unterbrechen können, unter anderem mit Antihormontherapien, die übrigens seit 100 Jahren bekannt und damit die älteste zielgerichtete Therapieform überhaupt sind. Fehlen alle drei genannten Faktoren (-), ist der Brustkrebs triple-negativ und bietet uns keine Angriffspunkte für zielgerichtete Antihormontherapien. Wichtig: Es gibt weitere, bislang unbekannte Signalwege, die wir zunehmend entdecken – die aktuelle Forschung dazu ist vielversprechend.
Was kann eine Mutationstestung leisten?
Unter einer Hormontherapie kann eine Mutation im ESR1-Gen auftreten. Sie sorgt dafür, dass die Krebszellen nicht mehr auf bestimmte Therapien ansprechen. Ein Mutationstest mittels Gewebeentnahme oder Liquid Biopsy bringt solche Genveränderungen zutage und hilft, die Therapie rechtzeitig anzupassen.
Welchen Vorteil bringen zielgerichtete Therapien gegenüber einer Chemotherapie?
Eine Chemotherapie wirkt unspezifisch gegen alle Körperzellen, die sich schnell teilen, darunter auch gesunde. Eine zielgerichtete Therapie stört dagegen die Signalwege von Krebszellen. Sie verursacht also weniger Schaden an gesundem Gewebe. Oft zögert sie die Notwendigkeit einer Chemotherapie hinaus.
Raten Sie Ihren Patientinnen, an klinischen Studien teilzunehmen?
Ja, sofern sich eine passende klinische Studie finden lässt. Das Setting ist streng kontrolliert und bietet oft mehr Tests, was ein gewisses Mehr an Sicherheit mit sich bringt. Aber: Der Mehraufwand muss von den Patientinnen auch mitgetragen werden.
Liquid Biopsy: Mutationstestung ohne Gewebeentnahme
Im Blut zirkulieren immer auch Reste zerfallener Zellen mit zugehörigem Erbgut (DNA). Bei Krebspatient:innen sind darunter auch Reste von Krebszellen mit Tumor-DNA (ctDNA). Eine Blutprobe lässt sich daraufhin untersuchen (Liquid Biopsy) – und kann eine Gewebeentnahme zum Teil ersetzen. Das erspart den Patient:innen aufwendige und schmerzhafte Eingriffe. So können rückblickend Hinweise auf das aktuelle Krebsgeschehen gewonnen werden, denn ctDNA hat eine Halbwertzeit von Minuten bis zu wenigen Stunden. Sobald ein spezifisches «Bild» eines Tumors vorliegt, kann mit einer Liquid Biopsy gezielt nach bestimmten Veränderungen gesucht werden.
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