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Start » News » Mehr als Ernährung: Warum Stillen auch für die Gesundheit der Mutter eine Rolle spielt
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Wenn über Stillen gesprochen wird, steht meist das Neugeborene im Mittelpunkt: Trinkt es genug? Entwickelt es sich gut? Dabei betrifft Stillen auch die psychische und körperliche Gesundheit der Mutter – unmittelbar nach der Geburt und weit darüber hinaus.

Katharina Lichtner, Geschäftsführerin der Familie Larsson-Rosenquist Stiftung (ZVG)

Dr. Katharina Lichtner

© ZVG

Geschäftsführerin der Familie Larsson-Rosenquist Stiftung 

Nach der Geburt eines Kindes beginnt für die Mutter eine sensible Phase, in der körperliche und hormonelle Veränderungen, Schlafmangel und neue Verantwortung zusammenkommen. Stillen ist ein Teil davon und damit weit mehr als Ernährung.

Zwischen Schutz und Belastung

Besonders deutlich wird das beim Thema psychische Gesundheit. In der Schweiz sind fast 17 Prozent der Frauen von psychischen Erkrankungen während der Schwangerschaft oder im ersten Jahr nach der Geburt betroffen. Gleichzeitig werden solche Belastungen in der geburtshilflichen Versorgung bislang nur bei einem kleinen Teil der Betroffenen erkannt. Auch der Zusammenhang zwischen Stillen und postpartaler Depression ist komplexer, als man vermuten könnte. Wissenschaftlich lässt sich weder pauschal sagen, dass Stillen vor einer Depression schützt, noch, dass psychische Erkrankungen zwangsläufig zu Stillproblemen führen. Vielmehr beeinflussen sich beide Seiten gegenseitig. Positive Stillerfahrungen können mit Nähe, Selbstwirksamkeit und körperlichen Prozessen verbunden sein, die Stress reduzieren können. Gleichzeitig können Schmerzen, Schwierigkeiten beim Stillbeginn, Schlafmangel oder das Gefühl, den eigenen oder gesellschaftlichen Erwartungen nicht gerecht zu werden, zusätzliche Belastungen schaffen. Entscheidend ist deshalb, wie Frauen begleitet werden.

Von der Wissenschaft in die Praxis

Wie eine solche Unterstützung konkret aussehen kann, zeigt ein Projekt am Inselspital Bern. Dort wurde gemeinsam mit den Universitären Psychiatrischen Diensten ein fachübergreifendes Angebot für Frauen mit psychischen Vorerkrankungen oder psychosozialen Belastungen entwickelt. Eine speziell qualifizierte Hebammenexpertin übernimmt dabei eine verbindende Funktion zwischen Geburtshilfe, Psychiatrie, Psychologie und weiteren Fachbereichen. «Gute Stillförderung bedeutet nicht, Frauen eine weitere Erwartung aufzuerlegen. Sie bedeutet, die Situation zu erkennen, ihnen verlässliches Wissen und fachliche Unterstützung zu geben und Bedingungen zu schaffen, unter denen sie eine informierte Entscheidung für sich und ihr Kind treffen können», sagt Lena Suter vom Inselspital Bern.

Die Erfahrungen aus diesem Modell sollen nun anderen Schweizer Geburtskliniken zugänglich gemacht werden. Mit Unterstützung der Familie Larsson-Rosenquist Stiftung entsteht deshalb ein praxisorientiertes Handbuch, das beschreibt, welche fachlichen, strukturellen und finanziellen Voraussetzungen für ein entsprechendes Angebot notwendig sind und wie sie möglichst kosteneffizient umgesetzt werden können. Es enthält unter anderem Instrumente zur systematischen Früherkennung, Schulungsunterlagen und konkrete Ansätze für die fachübergreifende Zusammenarbeit. Das Ziel: psychische Belastungen oder die Gefahr derselben früher erkennen und Frauen kontinuierlicher unterstützen.

Das Projekt steht exemplarisch für eine Herausforderung, die weit über die psychische Gesundheit hinausgeht: Wissenschaftliche Erkenntnisse allein verändern noch keine Versorgung. Entscheidend ist, daraus Lösungen zu entwickeln, die im Alltag von Fachpersonen, Frauen und Familien tatsächlich ankommen – in der Schweiz und international.

Wie das aussehen kann, zeigt auch das Projekt zur Stillfreundlichkeit der Schweiz, das unter wissenschaftlicher Leitung der ZHAW Gesundheit (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) sowie mit administrativer Unterstützung und finanziert durch die Stiftung durchgeführt wurde. Erstmals wurde dabei systematisch untersucht, wie gut die Rahmenbedingungen seitens Politik und Gesundheitssystem für Stillen in der Schweiz tatsächlich sind und wo Handlungsbedarf besteht. Daraus wurden zwölf konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet. Sie reichen von einer nationalen Stillstrategie und einer stärkeren politischen Verankerung bis zur besseren Vermittlung von Stillwissen in der Ausbildung von Gesundheitsfachpersonen.

Der ganzheitliche Ansatz der Stiftung endet deshalb nicht bei politischen Empfehlungen. Entscheidend ist, wie sich diese in konkrete Lebensrealitäten übersetzen lassen, etwa in der Arbeitswelt. Für viele Frauen entscheidet sich spätestens mit der Rückkehr in den Beruf, ob sich Stillen mit ihrem Alltag und ihrer Karriere vereinbaren lässt. Die Stiftung will deshalb in der Schweiz in naher Zukunft auch die Bedingungen für Stillen am Arbeitsplatz stärker in den Blick nehmen. Denn eine persönliche Entscheidung lässt sich nur umsetzen, wenn dazu auch die Rahmenbedingungen stimmen.

Zwischen individueller Entscheidung und langfristiger Gesundheit

Nicht jede Frau kann stillen. Nicht jede Frau möchte es. Und selbst ein starker Stillwunsch kann auf gesundheitliche, familiäre oder berufliche Hindernisse treffen. Gute Stillförderung bedeutet deshalb nicht, Frauen an einem Ideal zu messen, sondern ihnen eine individuelle Entscheidung auf Basis evidenzbasierter, realistischer Informationen, qualifizierter Begleitung und Unterstützung zu ermöglichen.

Dass Stillen gleichermassen die Gesundheit der Mutter betrifft, zeigen weitere Untersuchungen, beispielsweise zum Zusammenhang zwischen Stillen und einem geringeren Risiko für Typ-2-Diabetes oder Eierstockkrebs. Auch der Einfluss auf das Brustkrebsrisiko ist wissenschaftlich gut untersucht: Der schützende Effekt scheint mit der Stilldauer zuzunehmen. Gerade dieses Beispiel macht deutlich, warum Stillen nicht allein als Thema der Säuglingsernährung betrachtet werden sollte.

Die Mutter im Blick behalten

Michael Larsson, Mitstifter der Familie Larsson-Rosenquist Stiftung, beschrieb die Aufgabe anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Stiftung sinngemäss so: Es liege noch ein weiter Weg vor uns, Stillen nachhaltig zu stärken, gemeinsam sei das Potenzial jedoch enorm.

Vielleicht beginnt dieser Weg mit einer einfachen Veränderung der Perspektive: Nach der Geburt sollte nicht nur gefragt werden, was gut für das Kind ist, sondern ebenso selbstverständlich, was die Mutter braucht. Genau hier möchte die Stiftung neue Impulse setzen. Während wir die Gesundheit von Kindern vergleichsweise gut erfassen und messen können, gibt es keinen Konsens und keinen einheitlichen Standard, mit dem die Gesundheit der Mutter vor und nach jeder Geburt systematisch beurteilt wird.

Denn Stillen betrifft nicht nur das Kind. Seine Bedeutung für die Gesundheit der Mutter reicht weit über die Geburt hinaus.

Über die Familie Larsson-Rosenquist Stiftung

Die Stiftung wurde 2013 von Michael und Göran Larsson gemeinsam mit ihrem Vater Olle Larsson und zu Ehren ihrer Mutter Doris gegründet.
Ihr Schwerpunkt liegt auf Stillen und Muttermilch sowie darauf, wissenschaftliche Erkenntnisse in konkrete und dauerhaft wirksame Lösungen zu überführen.
Seit der Gründung bis heute stellte die Stiftung insgesamt einen dreistelligen Millionenbetrag für Forschung, Wissenstransfer und praktische Umsetzung zur Verfügung.

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